In diesem interessanten Interview beschreibt Miriam Meckel das Dilemma, das sich aus der Algorithmisierung unserer Vorstellung von Zukunft ergibt: Wenn wir mal komplett ausrechnen können, was wir alle morgen machen, desto mehr verschwindet unsere Freiheit.
Dazu kurz ein paar Ideen, die mir dazu durch den Kopf gingen (und irgendwann mal ein Blogbeitrag werden sollten #memotoself).
Ich halte diesen Gegensatz von Vorhersehbarkeit - Unsicherheit eigentlich für einen falschen. Das was sich ändert ist nämlich nicht, dass jetzt alles vorhersehbar geworden wäre. Die Zukunft ist nach wie vor nicht vorhersehbar, einfach deshalb, weil wir politische Menschen sind, und das Wesen des politischen Handels besteht (nach Hannah Arendt) darin, dass wir jederzeit etwas Neues in die Welt setzen können, also etwas nicht Vorhersehbares. Auch der beste Algorithmus kann nämlich nicht berechnen, was ich morgen tun werde. Beispiel: Amazon kann mir zwar Bücher vorschlagen, die mich wahrscheinlich interessieren, aber wofür ich mich morgen oder übermorgen oder in drei Jahren tatsächlich interessiere, kann Amazon nicht wissen, und ich selber übrigens auch noch nicht. Ich habe jederzeit die Freiheit, mir ein Buch zu kaufen, auf das Amazon im Traum nicht gekommen wäre.
Was sich durch die Algorithmen verändert ist lediglich, dass jetzt all das, was bislang nur theoretisch vorhersehbar war, auch tatsächlich vorhersehbar ist (annäherungsweise).
Richtig ist, dass wir angesichts dieser neuen Situation einen anderen Umgang mit der Zukunft brauchen. Früher mussten wir Menschen viel Energie darauf verwenden, uns das Vorhersehbare zusammenzurechnen, um so eine realistische Entscheidungsgrundlage haben - und den immer gleichzeitig vorhandenen Aspekt des freien Handels nahmen wir als selbstverständlich hin.
Heute ist für das Vorhersehen des Vorhersehbaren keine große Anstrengung mehr nötig, daher können wir diese Anstrengung (und das finde ich großartig) speziell auf die Punkte richten, die nicht vorhersehbar sind. Also letztlich die Frage: Was will ich wirklich? Wie sollte die Welt meiner Meinung nach werden und was kann ich dafür tun? Welche Ziele will ich mir setzen? All diese Fragen kann mir kein Algorithmus der Welt ausrechnen, das muss ich selbst herausfinden. Meine “Identität” ist für jeden Algorithmus der Welt unverstehbar. Sie ist daher auch nicht in Gefahr. (Gefährlich kann natürlich unter Umständen sein, wenn Leute auf einer von Algorithmen herbeigerechneten Angeblich-Identität Schlussfolgerungen über mich ziehen).
Das Dilemma der Politik momentan liegt darin - und das schildert Meckel sehr gut - dass dieser notwendig gewordene Wandel in unseren Prioritäten nicht vollzogen wird. Sondern viele Politiker_innen (und damit meine ich letztlich uns alle) tun so oder bilden sich ein, aus dem, was die Algorithmen ausrechnen, ergebe sich zwangläufig irgend etwas. Sie rechtfertigen ihr Handeln aus dem Algorithmus.
Und das ist der Denkfehler. Nicht die Algorithmen sind Schuld, wenn wir unsere Freiheit (die Freiheit, etwas anderes zu tun), nicht schätzen und nutzen, sondern wir selber. Wer sich nur auf Algorithmen verlässt, wird schließlich bei der Gestaltung der Welt scheitern, weil die sich im Allgemeinen nicht an die vorgegebenen Bahnen hält.
Das könnte dann tatsächlich zu einem Problem werden. Denn eine Gesellschaft, die sich auf den Irrglauben stützt, sie könnte alles vorausberechnen (und dieser Irrglaube ist halt durch die Algorithmen verführerischer geworden), wird ein großes Problem haben, wenn sie erst einmal vor eine Situation gestellt ist, die sie nicht vorhergesehen hat.