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Liebe zur Freiheit (im Kleinen)

Hier sammle ich alles, was zu klein für das Blog (www.antjeschrupp.com) und zu groß für Twitter (www.twitter.com/antjeschrupp) ist.

Simone Weil über Macht und Politik

“Darum hat fast die Gesamtheit der politischen Meinungen und der Diskussionen, in denen sie aufeinanderprallen, mit der Politik ebensowenig zu tun, wie die Auseinandersetzungen über ästhetische Ansichten in den Schenken von Montparnasse mit der Kunst zu tun haben. Der Politiker wie der Künstler können darin höchstens ein gewisses Stimulans finden, das nur in schwacher Dosis gebraucht werden sollte.

Man betrachtet die Politik fast niemals als eine Kunst von derart erhabener Art. Das kommt jedoch daher, dass man sich seit Jahrhunderten gewöhnt hat, ausschließlich oder jedenfalls in der Hauptsache eine Technik in ihr zu sehen, wie man die Macht erwirbt und festhält.

Die Macht aber ist kein Zweck. Ihrer Natur, ihrem Wesen, ihrer Definition nach stellt sie ausschließlich ein Mittel dar. Sie verhält sich zur Politik wie ein Klavier zur musikalischen Komposition. Ein Komponist, der zur Erfindung seiner Melodien eines Klaviers bedarf, ist übel daran, wenn er sich in einem Dorf befindet, wo keines aufzutreiben ist. Verschafft man ihm aber eines, so muss er sich nun ans Komponieren machen.

Wir Unglückseligen haben die Herstellung eines Klaviers mit der Komposition einer Sonate verwechselt.”

(Simone Weil, Die Einwurzelung, Kösel 1956, S. 318f) 

— 9 months ago with 22 notes
#Politik,  #Macht  #Zitate  #Simone Weil 
Eine schöne Definition von Macht…

… las ich gerade in dem von der Philosophinnengemeinschaft Diotima herausgegebenen Buch “Macht und Politik sind nicht dasselbe”. Luisa Muraro und Chiara Zamboni erinnern da in der Einleitung an die Anfänge der Frauenbewegung in den 1970er Jahren und schreiben: “… dass wir, um politisch zu handeln, weder Posten noch Machtmittel gesucht haben. Darunter verstehen wir sowohl Mittel, mit denen man anderen etwas anordnen kann, ohne sich mit ihrer Freiheit und ihrem Begehren zu messen, als auch die unpersönlichen Machtmittel des öffentlichen Lebens, von den Gesetzen bis hin zu den Organisationen. In dem Sich Stützen auf Machtmittel sahen wir einen Ausdruck der patriarchalen Kultur. Und wir konzipierten die Politik als eine Veränderung des Realen und von uns selbst zusammen mit anderen, die erreicht wird durch Beziehungen und einen Austausch, in den jede ihre eigene subjektive Wahrheit einbringt.”

— 2 years ago
#Diotima  #Macht 
Das Unbehagen an der digitalen Macht. Clay Shirky und Evgeny Morozov →

“Ist das Internet ein Medium der Emanzipation und des Umsturzes - oder ein Werkzeug der Kontrolle und der Unterdrückung? Haben Twitter und Facebook die Rebellion in Iran befeuert, oder halfen sie, die Rebellen zu enttarnen?” - diese Eingangsfrage und dieser ganze Artikel zeigen meiner Ansicht nach die falsche symbolische Ordnung, in der sich die (Männer)-Politik immer noch bewegt. Es geht um uralte Themen und Konstellationen: Regierung gegen Gesellschaft, Individuen gegen Mehrheitsmacht, freie Rede gegen Zensur. Alle diese Entweder-Oders haben für die Politik der Frauen noch nie gestimmt. Unterschiede verlaufen nicht entlang der Grenze von entweder-oder, sie sind nicht komplementär. Es gibt nicht entweder-oder, sondern sowohl-als auch, einerseits ja und andererseits nein, usw.usw. Kurz gesagt: Diese Fragestellung ist totaler Blödsinn.

Deshalb ist dieses ganze Interview einerseits interessant, andererseits schief und krumm und perpetuiert das, was es angeblich kritisieren will. Entsprechend interessant, dass darin sogar explizit zur Sprache kommt, dass die Frauen in die diagnostizierte Logik nicht hineinpassen:

“Wenn ich aber nach einem herausragenden Fall dafür suche, wie die digitale Koordination die Politik in der realen Welt verändert, dann denke ich an die Rolle der Frauen. Nur ein Beispiel: die Proteste von 2008 in Südkorea, die sich gegen die Einfuhr amerikanischen Rindfleischs nach Ausbruch des Rinderwahns richteten. Diese Proteste lebten davon, dass Frauen sich zu Wort melden konnten, und zwar in einer politischen Umwelt, in der sie sonst erheblich eingeschränkt sind. Oder denken Sie an Neda, die berühmtgewordene Märtyrerin der Protestwelle in Iran - auch dazu wäre es wahrscheinlich ohne diese technischen Mittel nicht gekommen. Wir können hier zwar nur mit wenigen Beispielen argumentieren. Und doch halte ich es für unwahrscheinlich, dass Frauen ohne die sozialen Medien eine solche Präsenz in den Protestbewegungen erlangt hätten.”

Frauen machen schon immer Politik außerhalb der üblichen Bahnen von dem, was “Politik” genannt wird. Sie unterscheiden zwischen Politik und Macht. Politik in diesem Sinne der Politik der Frauen, der Politik in erster Person kann man im Internet wunderbar machen. Machtpolitik im altpatriarchalen herkömmlichen Sinne - und nur darum dreht sich, bei genauerer Betrachtung dieses Gespräch - vielleicht nicht, oder jedenfalls nicht besser als offline. Ist mir doch egal, denn Machtpolitik interessiert mich nicht.

(Danke für den Link an Anne Roth)

— 2 years ago
#Internet  #Politik  #Macht